|||                Soziale Dreigliederung                 |||

Freiheit - Gerechtigkeit - Verantwortung

Der Auftrag, der uns heute gesetzt ist, lautet:

Uns selbst, unsere Umwelt und die Strukturen dieser Welt

zu heilen und zu heiligen.

(Albert Schweitzer)

1   Grundlagen


[1.1] Immer mehr Menschen erkennen, dass das bisherige politische und wirtschaftliche System an Grenzen stößt, die grundlegendes Umdenken und mutiges neues Handeln erfordern. Es gibt vielfältige Ideen und Initiativen für eine entsprechende gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Erneuerung. Die Vision der Dreigliederung des sozialen Organismus bietet für solche Ideen einen einheitlichen Rahmen

[1.2] Die Vision der Dreigliederung des sozialen Organismus vertraut auf freie und verantwortlich handelnde Menschen. Die Politik soll die Menschen so wenig wie möglich durch Gesetze zwingen, sondern Anreize und Freiräume für das Handeln aus individueller Überzeugung und Initiative schaffen. 


1.1   Ein ganzheitliches, dreigliedriges Menschenbild

[1.1.1] Die Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus orientiert sich an einem ganzheitlichen Menschenbild. Der Mensch ist nicht nur ein körperlich-biologisches, sondern auch ein seelisch-soziales und ein geistig-kulturelles Wesen. 

[1.1.2] Auf körperlicher Ebene brauchen Menschen die Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse, Gesundheit und Sicherheit. Außerdem sind sie auf eine gesunde und nachhaltig bewirtschaftete Natur angewiesen, in der auch unsere Nachkommen noch gut leben können. Auf sozialer Ebene brauchen sie Gerechtigkeit und die Möglichkeit zu gesellschaftlicher Teilhabe und Mitbestimmung. Zugleich unterliegen sie den Pflichten der Gemeinschaft. Auf kultureller Ebene brauchen sie die Möglichkeit zu kreativer Selbstverwirklichung in individueller Freiheit. 


1.2   Prinzipien und Ziele

[1.2.1] Die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus folgt drei allgemeinen Prinzipien: Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung. Sie stellen eine moderne Form der Ideale der Französischen Revolution dar: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. 

1.2.1   Geistig-kulturelle Freiheit

[1.2.1.1] Jeder Mensch ist ein einmaliges Individuum. Seine Freiheit ist ein unverzichtbarer Bestandteil seiner Menschenwürde. Die Freiheitsrechte haben daher hohe Priorität. Menschen, die über ihr Tun und Lassen selbst bestimmen und ihre Potentiale voll entfalten können, sind die Schöpfer des gesellschaftlichen Fortschritts.

[1.2.1.2] Wir sind davon überzeugt, dass Freiheit in allen Institutionen des geistig-kulturellen Lebens herrschen muss. Bildungseinrichtungen wie Kitas, Schulen und Hochschulen, Forschungs-einrichtungen und wissenschaftliche Institutionen, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Medien, Medizin- und Gesundheitsorganisationen, Kunst- und Kultureinrichtungen, öffentliche Sport-organisationen sollen frei, eigenständig und in Selbstverwaltung organisiert sein. Sie dürfen keinen wirtschaftlichen Zielen und Zwängen oder politischer Beeinflussung unterworfen sein, solange sie sich am Grundgesetz orientieren. 

1.2.2   Soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Mitsprache

[1.2.2.1] Jeder Mensch ist Mitglied einer Gemeinschaft, hat einen Anspruch auf gerechte Behandlung und das Recht, sofern er mündig ist, über die Angelegenheit der Gemeinschaft mit zu entscheiden. Außerdem unterliegt er den Pflichten der Gemeinschaft. 

[1.2.2.2] Im Bereich des gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Lebens muss daher das Prinzip der Gerechtigkeit oder Gleichheit herrschen. Eine wahrhaft demokratische Gesellschaft erfordert deshalb die Möglichkeit zu fortlaufender Beteiligung an politischen Entscheidungen. Die repräsentative Demokratie muss durch organisierte gesellschaftliche Diskussionen und direkt-demokratische Abstimmungen ergänzt werden. Das erfordert größtmögliche Transparenz politischer Verfahren und Institutionen. Wichtige politische Entscheidungen müssen der Möglichkeit einer direkt-demokratischen Kontrolle unterstellt werden.

[1.2.2.3] In einer gerechten Gesellschaftsordnung kann jeder Mensch frei von materiellen Existenzängsten und finanziellen Zwängen leben und arbeiten. Wir sind davon überzeugt, dass eine sichere materielle Lebensgrundlage die Kreativität, Initiativkraft und Gesundheit der Menschen fördert, den gesellschaftlichen Frieden sichert und deshalb für die Entwicklung der Gesamtgesellschaft von entscheidender Bedeutung ist.

1.2.3   Wirtschaftliche und ökologische Verantwortung

[1.2.3.1] Jeder Mensch ist als Teil der Menschheit abhängig von der Arbeit, die andere für ihn leisten und leistet nach seinen Möglichkeiten Arbeit für andere. Ein gesundes Wirtschaftssystem erfordert außer der Freiheit für unternehmerische Initiative und einer gerechten Verteilung der Lasten insbesondere auch die Übernahme von Verantwortung für die Allgemeinheit. Eine nur von egoistischem Gewinnstreben getriebene Wirtschaft führt auf Dauer zur Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der natürlichen Lebensgrundlagen.

[1.2.3.2] Wir brauchen ein Umdenken der wirtschaftlich Tätigen hin zu einer verantwortungsvollen Orientierung am Gemeinwohl und an einem nachhaltigen Umgang mit der Natur. Unternehmen sollen ihre Aufgaben und Ziele nicht mehr nur in der Gewinnmaximierung für die In- und Teilhaber sehen, sondern auch und vor allem im Nutzen für die Gesellschaft. Hierbei sind steuerliche Anreize zielführender als Verbote. 

[1.2.3.3] Als Menschheit sind wir abhängig von einer gesunden und reichhaltigen natürlichen Umwelt. Die Tier- und Pflanzenwelt, die lokalen und das globale Ökosystem brauchen unsere achtungsvolle Zuwendung sowie eine nachhaltige Bewirtschaftung und Pflege. 

[1.2.3.4] Ökologische Nachhaltigkeit müssen immer mehr zur Grundlage wirtschaftlichen Handelns werden. Die Inanspruchnahme natürlicher Ressourcen und die Beeinträchtigung der Natur und Umwelt muss durch Entschädigungszahlungen ausgeglichen werden. Die entsprechenden Einnahmen müssen zur Renaturierung der geschädigten Ökosysteme verwendet werden. Insbesondere muss auch der Tierschutz grundlegend verbessert werden.


1.2.4   Internationale Zusammenarbeit

[1.2.4.1] Im Zentrum des politischen Denkens und Handelns steht der individuelle Mensch, der in kleinere und größere Gemeinschaften eingebunden lebt. Für die Gestaltung regionaler, nationaler und internationaler Beziehungen hat das Prinzip der Subsidiarität höchste Bedeutung. Gestaltungsfreiheit und Verantwortung sollen bei der kleinstmöglichen Gemeinschaft liegen und so wenig wie möglich an übergeordnete politische Ebenen und Strukturen abgegeben werden. Das bedeutet Föderalismus, nationale Souveränität und ein Europa der gleichberechtigten Zusammenarbeit der Länder und Regionen.

[1.2.4.2] Internationale Politik darf nicht auf Vorurteilen und Feindbildern beruhen, sondern muss von gegenseitigem Respekt und dem Verständnis für die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen anderer Länder getragen sein.