|||                Soziale Dreigliederung                 |||

Freiheit - Gerechtigkeit - Verantwortung

Was ist Soziale Dreigliederung?

Christoph Hueck

I

Die Idee der Sozialen Dreigliederung besagt zunächst, dass in drei verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen drei unterschiedliche Ideale gelten sollten.

Im Bereich der Kultur und des Geisteslebens (in der Bildung, in der Wissenschaft, im Bereich der öffentlichen Meinungsbildung durch Medien, u.a.) sollte größtmögliche Freiheit herrschen. Wenn die Politik hier reglementierend und kontrollierend eingreift, können die Menschen ihr individuelles Potential nicht voll entfalten. Die Folge ist, dass die Gesellschaft an Innovationskraft verliert und allmählich immer mehr erstarrt.

Im Bereich des politischen und rechtlichen Lebens sollte Gleichberechtigung aller mündigen Mitglieder einer Gesellschaft herrschen. Jede*r sollte eine Stimme haben und sich an Entscheidungen, die das Zusammenleben betreffen, gleichberechtigt und fortlaufend beteiligen können (und zwar nicht nur alle vier Jahre!). Eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern keine ausreichende Mitsprache ermöglicht, zerfällt.

Schließlich sollte im Bereich von Wirtschaft und Ökologie – idealerweise – die größtmögliche Verantwortung für die globale Gemeinschaft und für die Umwelt herrschen. Wir haben in den letzten 60 Jahren gesehen, wozu ein verantwortungsloses Wirtschaftssystem führt: es zerstört die sozialen und ökologischen Grundlagen unseres Lebens.

Die drei Ideale Freiheit, Gleichberechtigung und Verantwortung sind eine moderne Formulierung der Ideale der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Diese Ideale berühren noch immer die Herzen der Menschen, obwohl sie sich zum Teil gegenseitig widersprechen. Das revolutionär Neue an der Idee der Sozialen Dreigliederung ist die Zuordnung dieser drei Ideale zu drei unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, wodurch sie erst nebeneinander verwirklicht werden können.

 

II

Die Idee der sozialen Dreigliederung geht davon aus, dass Menschen mehr sind als nur materielle, biologische Körper. Menschen sind körperliche, aber auch soziale und auch kulturelle Wesen (in einer älteren Ausdrucksweise hat man von Leib, Seele und Geist gesprochen). Diese drei Bereiche hängen eng miteinander zusammen und sind doch deutlich zu unterscheiden, und jeder Bereich hat seine eigenen Gesetze.

Als körperliche Wesen haben wir bestimmte Bedürfnisse wie diejenigen nach Nahrung, Kleidung, Wohnung, Mobilität, Wohlfahrt, usw. Diese Bedürfnisse werden heute in der arbeitsteiligen Welt durch die Ergebnisse der Arbeit anderer Menschen befriedigt, und jeder arbeitende Mensch trägt auf die eine oder andere Art zur Befriedigung der Bedürfnisse anderer bei. Die Summe der Arbeit und ihrer Ergebnisse, also die Herstellung, Verteilung und der Verbrauch von Gütern, bildet das wirtschaftliche Leben einer Gesellschaft. Hieraus ergibt sich bereits ein Ideal für den Bereich der Wirtschaft, nämlich die Verantwortung für das Wohlergehen anderer. Auch die Verwendung natürlicher Ressourcen gehört zum Wirtschaftsleben; das Ideal der Verantwortung gilt auch gegenüber der Natur. – Das bestehende Wirtschaftssystem zeigt, dass eine auf Eigennutz und Gewinnmaximierung gebaute Wirtschaft auf die Dauer nicht menschen- und naturgemäß sein kann.  

Als soziale Wesen leben wir in kleinen und größeren Gemeinschaften, in denen wir bestimmte Rechte und Pflichten haben. Menschen wollen über die Regeln ihres Zusammenlebens in demokratischer Weise mitbestimmen. Wenn im politischen und rechtlichen Leben einer Gesellschaft wirkliche Beteiligung  und Gleichberechtigung herrschen, dann sind Menschen auch bereit, sich den – selbstgegebenen – Regeln der Gemeinschaft einzufügen. – Ein politisches System, das auf Machtkonzentration gebaut ist und das von Partikularinteressen (Lobbyeinflüssen) bestimmt wird, führt zur Entfremdung der Menschen von den Regierenden und zum Kampf verschiedener Interessengruppen gegeneinander.

Schließlich sind Menschen kulturelle Wesen, die danach streben, ihre individuellen Potentiale zu entfalten und mit ihrem Wissen, ihrem Können und ihrer Kreativität eine menschenwürdige Gesellschaft zu gestalten und das Leben der Gemeinschaft zu befruchten. Werden sie daran gehindert, z.B. weil die schulische und universitäre Bildung nicht frei sind, sondern durch politische und wirtschaftliche Interessen bestimmt werden, dann besteht die Gefahr, dass sie innerlich verarmen und der Gesellschaft deshalb nicht mehr diejenigen Erneuerungsimpulse zuführen, zu denen sie eigentlich veranlagt wären.

 

III

Zur Idee der Sozialen Dreigliederung gehört auch, dass die drei oben beschriebenen gesellschaftlichen Bereiche in einer gewissen Eigenständigkeit nebeneinander bestehen sollten. Die Politik sollte das kulturell-geistige Leben nicht bestimmen, die Wirtschaft nicht die Politik. Die Corona-Krise zeigt überdeutlich, wie sehr eine Gesellschaft erkrankt, wenn sich ihre drei Bereiche in unberechtigter Weise vermischen: Das Geistesleben, d.h. die unabhängige Wissenschaft, die freie Meinungsbildung, die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen werden unterdrückt, was zu Widerstand und gesellschaftlicher Spaltung führt. Die Politik wiederum zeigt sich im Bunde mit mächtigen Wirtschaftsinteressen, was zu extrem einseitigen politischen Entscheidungen führt. Aber auch große Teile der Wirtschaft sind nicht unabhängig. Sie sehen sich der Willkür der Politik ausgesetzt, was u.a. die Zerstörung sehr vieler kleiner und mittlerer Unternehmen bewirkt.

In einer Gesellschaft, die ein freies und von der Politik weitgehend unabhängiges Geistes- und Wirtschaftsleben hat, wäre die Corona-Krise ganz anders gehandhabt worden.

Viele Forderungen der Widerstandsbewegung gegen die Corona-Maßnahmen entsprechen daher den Idealen der Sozialen Dreigliederung: Unabhängige und vielfältige Wissenschaftsperspektiven, freie Meinungsbildung und -äußerung, selbstverantwortete Risikoabwägung, Aufhebung des Lockdowns in Kitas, Schulen und Hochschulen, freie Impfentscheidung (= Freiheit im Geistesleben); Wiedereinsetzung und Erhalt der Grundrechte, juristische Aufarbeitung der politischen Verantwortlichkeiten, künftige basisdemokratische Mitbestimmung (= Gleichberechtigung in Politik und Recht); Aufhebung der Lockdown-Maßnahmen, insbesondere auch für Selbstständige sowie für kleine und mittlere Unternehmen (= Verantwortung in der Wirtschaft). 

 

IV

Man sieht aus den obigen Beschreibungen, dass sich die drei gesellschaftlichen Bereiche und die für sie geltenden Ideale gegenseitig durchdringen. Auch in einem freien Geistesleben brauchen Schulen und Universitäten rechtliche Regelungen und stehen in wirtschaftlichen Abhängigkeiten, auch in einem verantwortungsvollen Wirtschaftsbetrieb muss die freie Unternehmertätigkeit (die zum Geistesleben gehört) von der rechtlichen Betriebsordnung und der eigentlich wirtschaftlichen Tätigkeit unterschieden werden. Es handelt sich bei der Sozialen Dreigliederung eben nicht um eine Dreiteilung, sondern um ein organisches Prinzip, und wie bei allen Organismen gilt auch hier: Wie im Großen, so im Kleinen. Die Idee der Sozialen Dreigliederung ist keine Ideologie, sondern ein Lebensprinzip, das dem Menschen entspricht und das sowohl seiner persönlichen Würde und Individualität, seinem gesellschaftlichen Eingebundensein, als auch seiner menschheitlichen und ökologischen Abhängigkeit gerecht wird. 

 

V

Die Idee der Sozialen Dreigliederung wurde in dieser Form zum ersten Mal vor 100 Jahren von Rudolf Steiner formuliert. Steiner machte damit den Versuch, der deutschen Revolution von 1918 eine konstruktive Richtung jenseits von Sozialismus und Restauration zu geben. Dabei hatte er in Wilhelm von Humboldts klassischem „Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ einen wichtigen Vorläufer. Es handelt sich bei dieser Idee aber nicht um etwas Vergangenes, sondern auch heute noch um einen Zukunftsimpuls: um das Bild einer menschen- und naturgemäßen Gesellschaftsordnung.

Eine Partei, die diese Idee vertritt, hat (auch) dadurch ein absolutes Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen anderen Parteien. Denn es mangelt heute an Zukunftsvisionen. Sehr viele Menschen sehen zwar, dass wir auf die gewohnte Art nicht weitermachen können, aber es fehlen tragfähige Konzepte für das Neue.

Die einzige Vision, die heute öffentlich angeboten wird, ist die einer voll durchdigitalisierten, ökologischen Weltordnung – in der allerdings wenige große Konzerne und Mächtige das Sagen haben werden. Der „Great Reset“ des Weltwirtschaftsforums beschreibt eine Welt, in der der Finanzkapitalismus Amerikas mit der digitalen Gesellschaftskontrolle Chinas so vereint werden sollen, dass zwar vielleicht eine ökologischere und vermeintlich sozialere, aber keineswegs eine freiere und demokratischere Gesellschaft entstehen wird. Die Idee der Sozialen Dreigliederung ist ein echter Gegenentwurf zum „Great Reset“. Sie gibt nicht nur Antworten auf die drängenden ökologischen, sozialen und politischen Fragen, sondern sie wird vor allem auch dem höchsten aller Güter gerecht: der Würde und Freiheit des individuellen Menschen.